Alle Kulturen sind legitim!
Wir alle haben das Recht auf unsere eigenen kulturellen Praktiken und Vorlieben.
Es geht nicht darum, dass manche Menschen von der Kultur abgekoppelt sind; vielmehr ist es die institutionelle Kultur, die von ihrem Leben, ihrer Realität und ihrer Kultur entfremdet ist.
Seit Jahrzehnten bemühen sich Kulturschaffende, Menschen zu erreichen, die als „kulturlos“ gelten. Obwohl die meisten Ausstellungen, Konzerte und Aufführungen gut besucht sind, lässt die soziologische Vielfalt des Publikums deutlich zu wünschen übrig. Zahlreiche Statistiken belegen, dass kulturelle Angebote ein festes Publikum ansprechen. Bis auf wenige Ausnahmen sind es immer dieselben Menschen, die Kulturveranstaltungen regelmäßig besuchen.
Laut dem Sozialanthropologen Fabrice Raffin, Dozent an der Universität Picardie Jules Verne, trägt die von Staat und Kommunen propagierte Kulturvorstellung zu dieser Abschottung bei.
Warum ist die kulturelle Demokratie gescheitert?
Erstens verlaufen die stärksten Grenzen nicht genau dort, wo wir sie vermutet haben. Wir gingen beispielsweise davon aus, dass die Entfernung zu Kulturstätten eine Grenze darstellt; daher die Dezentralisierung. Dann berücksichtigten wir wirtschaftliche Grenzen; deshalb konzentrierten wir uns auf die Preisgestaltung. Anschließend betrachteten wir die Grenze, die Gebäude darstellen können; also verbesserten wir die Zugänglichkeit bestehender Veranstaltungsorte. Und schließlich investierten wir in Kommunikation und Kulturvermittlung …
Doch wir haben die Frage der symbolischen Grenze, die durch die Werke selbst – durch ihre Ästhetik – und durch die soziale Schicht des Publikums entsteht, nicht ausreichend geklärt.
Kultur bleibt ein zentrales Element in der Reproduktion sozialer Ungleichheiten
Kultur ist ein Eckpfeiler der Reproduktion sozialer Ungleichheiten, indem sie durch familiäre und schulische Sozialisation ein ungleich verteiltes „kulturelles Kapital“ (Wissen, Umgangsformen, Sprache) vermittelt. Dieser Mechanismus begünstigt Wohlhabende, deren Gewohnheiten (Museumsbesuche, Konzerte) sich stark von denen der Arbeiterklasse unterscheiden und so die soziale Kluft vergrößern. Das Schulsystem fordert oft kulturelle Codes („Kapital“), ohne sie zu lehren, benachteiligt dadurch Kinder aus Arbeiterfamilien und verfestigt Hierarchien. Die kulturelle Vermittlung bleibt eine große Herausforderung, da Kulturpolitiken die Arbeiterklasse oft nicht wirklich einbeziehen und Kultur so eher zu einem Faktor der Diskriminierung als zur Emanzipation wird.
Obwohl Kultur ein Hebel zur Emanzipation sein kann, wirkt sie durch diese Mechanismen oft als eine Form des sozialen Determinismus und wandelt kulturelle Unterschiede in soziale Ungleichheiten um.
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